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Kurz erklärt: Reichtum schafft Freiheit und Möglichkeiten, braucht aber Charakter und innere Orientierung, weil Sinn, Würde und Anerkennung nicht käuflich sind.

I. Eine Verteidigung des Reichtums

Beginnen wir ohne Vorbehalt: Reichtum ist etwas Großartiges.

Er bedeutet Freiheit von existenzieller Sorge. Er eröffnet Spielräume. Er schafft Sicherheit für Familien. Er ermöglicht Bildung, Kultur, Innovation, medizinischen Fortschritt. Reichtum ist oft das Resultat von Mut, Disziplin, Weitblick und der Bereitschaft, Verantwortung zu tragen. In freien Gesellschaften ist er nicht selten Ausdruck von Leistung.

Wohlstand ist kein moralisches Defizit. Er ist ein zivilisatorischer Fortschritt.

Eine Gesellschaft, die Reichtum erzeugt, ist in der Regel produktiv, dynamisch und offen. Eigentum steht deshalb zu Recht unter verfassungsrechtlichem Schutz. Unternehmerisches Risiko verdient Anerkennung. Erfolg darf gefeiert werden.

Wer reich ist, hat Möglichkeiten – und Möglichkeiten sind nichts anderes als verdichtete Freiheit.

Und doch begleitet mich seit Jahren ein Satz meines Vaters. Er sagte einmal ruhig:

„Geld hat keinen emotionalen Wert.“

Er meinte damit nicht, dass Geld bedeutungslos sei. Er meinte etwas anderes: Geld ist Mittel. Es verschafft Optionen. Aber es ist nicht das Ziel selbst. Es trägt keinen inneren Sinn in sich.

Vielleicht beginnt genau hier eine tiefere Frage.

II. Wenn alles möglich ist

Solange Knappheit existiert, richtet sich das Streben auf Dinge: auf Sicherheit, Komfort, Gestaltungsspielräume. Doch was geschieht, wenn Knappheit im materiellen Sinne weitgehend verschwindet? Wenn nahezu jedes Objekt verfügbar ist?

Das menschliche Begehren endet nicht mit Sättigung. Es verlagert sich.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel zeigt in der Phänomenologie des Geistes, dass der Mensch nicht nur Dinge will, sondern Anerkennung. Wir wollen nicht nur besitzen – wir wollen gelten. Wir wollen gesehen werden als freie, bedeutende Wesen.

Anerkennung jedoch ist nicht käuflich. Sie entsteht nur zwischen Freien. Gekaufte Loyalität ist keine Loyalität. Erzwungene Zustimmung ist keine Überzeugung.

Hier liegt die Grenze ökonomischer Macht. Geld kann Dinge verfügbar machen – nicht aber die Freiheit anderer.

Und genau deshalb ist Reichtum zugleich großartig und anspruchsvoll. Er erweitert Möglichkeiten – und fordert innere Klarheit.

III. Größe oder Maßlosigkeit

Schon Aristoteles unterschied zwischen Größe und Maßlosigkeit. „Pleonexia“ nannte er das Streben nach immer mehr – nicht aus Not, sondern aus innerer Unruhe.

Demgegenüber steht die Tugend der Großgesinntheit: Wer wirklich groß ist, sucht große Aufgaben, nicht kleine Dominanz. Er braucht keine Unterwerfung, um Bedeutung zu spüren.

Auch Platon beschreibt in der Politeia die Tyrannenseele als innerlich ungeordnet. Der Tyrann besitzt alles – und ist dennoch nicht frei. Seine äußere Macht kompensiert eine innere Leere.

Diese antiken Gedanken richten sich nicht gegen Reichtum. Sie richten sich gegen innere Schwäche.

Nicht Geld korrumpiert. Fehlende Selbstbeherrschung tut es.

IV. Würde als Grenze der Verfügung

Giovanni Pico della Mirandola formulierte in seiner „Rede über die Würde des Menschen“ eine der kraftvollsten anthropologischen Thesen der Neuzeit: Der Mensch besitzt keine festgelegte Natur. Er ist frei, sich selbst zu gestalten.

Seine Würde liegt nicht im Besitz, nicht im Rang, nicht im Vermögen – sondern in seiner Fähigkeit zur Selbstbestimmung.

Wenn Würde Selbstgestaltung bedeutet, dann ist jede Form der Instrumentalisierung ein Angriff auf das Menschsein selbst. Menschen sind keine Objekte. Keine Mittel. Keine austauschbaren Ressourcen.

Hier zeigt sich die Grenze jeder Macht: Sie endet an der Freiheit des anderen.

V. Die äußerste Entgleisung

In jüngerer Vergangenheit haben öffentlich gewordene Missbrauchskonstellationen aus globalen Macht- und Finanzmilieus gezeigt, wie ökonomische Überlegenheit mit sozialer Abschirmung zusammenwirken kann. Wo immense Ressourcen auf Isolation treffen, entsteht ein Raum, in dem Menschen nicht mehr als Subjekte erscheinen, sondern als verfügbar.

Solche Fälle sind keine notwendige Folge von Reichtum. Sie sind Ausdruck fehlender innerer Stärke. Sie offenbaren jedoch drastisch, wohin Entgrenzung führen kann: zur Verfügung über Körper, Integrität, Würde.

Das ist nicht Reichtum. Das ist Macht ohne Charakter.

VI. Recht und Verantwortung

Das Grundgesetz schützt Eigentum – und setzt zugleich klare Grenzen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Eigentum verpflichtet. Freiheit ist geschützt.

Recht schafft äußere Ordnung. Es verhindert Übergriffe. Es begrenzt strukturelle Macht. Doch Recht kann nur regulieren. Es kann keinen Charakter erzeugen.

Reichtum verlangt daher mehr als juristische Konformität. Er verlangt innere Orientierung.

VII. Elite als Verpflichtung

Eliten existieren. In Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur entstehen zwangsläufig Konzentrationen von Einfluss. Das ist weder illegitim noch vermeidbar.

Entscheidend ist die innere Haltung.

Je größer die Macht, desto größer die Verpflichtung zur Selbstbegrenzung. Je größer der Spielraum, desto wichtiger der innere Kompass.

Reichtum ist großartig – wenn er mit Charakter verbunden ist.
Reichtum wird gefährlich – wenn er innere Orientierung ersetzt.

VIII. Glaube als Schutz vor Selbstvergessenheit

Hier berührt die Frage eine tiefere Dimension.

Thomas von Aquin verstand Eigentum als legitim, aber dem Gemeinwohl verpflichtet. Macht steht unter Rechenschaft.

Religion – im weiten Sinn – erinnert daran, dass der Mensch nicht absolut ist. Dass er sich nicht selbst zum Maßstab machen darf. Dass Würde nicht erzeugt, sondern empfangen wird.

Glaube schafft eine innere Grenze, wo äußere fehlen. Er relativiert Macht, ohne Leistung zu negieren. Er schützt vor Selbstvergessenheit.

Selbst säkular formuliert bleibt der Gedanke gültig: Wer weiß, dass es etwas Größeres gibt als den eigenen Vorteil, wird Macht anders gebrauchen.

IX. Der innere Kompass

Der Satz meines Vaters klingt heute wie eine leise Mahnung: Geld besitzt keinen emotionalen Eigenwert. Es kann Möglichkeiten schaffen – aber es kann Sinn nicht ersetzen.

Wer Sinn durch Verfügung ersetzen will, verfehlt beides.
Wer Anerkennung kaufen will, verliert sie.
Wer Freiheit kontrollieren will, zerstört sie.

Reichtum ist etwas Wunderbares. Aber er ist kein Ersatz für innere Stärke.

X. Schluss: Größe bewahren

Eine freie Gesellschaft darf Reichtum feiern. Sie darf Erfolg anerkennen. Sie darf Leistung belohnen.

Doch sie muss zugleich etwas anderes kultivieren: Selbstbegrenzung. Würde. Verantwortung. Glaube an eine Ordnung, die größer ist als das eigene Vermögen.

Nicht Geld ist die Gefahr. Orientierungslosigkeit ist es.

Vielleicht liegt wahre Größe nicht darin, alles kaufen zu können, sondern darin, zu wissen, was sich nicht kaufen lässt – und es gerade deshalb zu schützen.

Denn am Ende entscheidet nicht die Höhe des Vermögens über die Qualität einer Person oder einer Ordnung, sondern die Treue zum inneren Kompass.

Und dieser Kompass ist unabhängig vom Kontostand.

Alexander Schoeppe, Rechtsanwalt
Regensburg 

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